Rollenspiel OHNE Computer? - 5 stressigschöne Tage in Leipzig Bericht von Lars
1. Tag Mittwoch, 19.03.03 Das PrO als Platzhirsch
Einmal tief durchatmen und los geht’s – das Messegelände macht einen sympathischen Eindruck. Eine tolle Nahverkehrsanbindung, moderne Ausstellungshallen und als Clou ein See zum durchlaufen – wow. Halle 2, Gang M, Nummer 305 – in Leipzig ist alles etwas ausgedehnter und eleganter. Der PrO-Stand ist ja tatsächlich größer, als „FanPro“ und „Feder und Schwert“ zusammen. Was für ein kometenhafter Aufstieg - von der fixen Idee zum Platzhirsch. Weitere Überraschungen bleiben nicht aus. Hinter unserem Stand ist ein Verhau, der sich bei jedem LARP als Geheimversteck nutzen ließe. Zur Bewachung würde ein Bogenschütze reichen, da der Zugang nur mit Seitschritten und koordinierter Atmung passierbar ist. Augenblicklich verschwinden Vorräte, Stühle, Tisch und Drucker hinter bzw über den Standwänden. Nur ein Bett läßt sich leider nicht auftreiben.
Vor uns die unendlichen Weiten des Rollenspielbereiches. Über zwei Gangbreiten erstrecken sich Spieltische auf einem roten Teppich mit der Aufschrift „fantasy“ Der letzte verhängnisvolle Fund ist das „Schwarze Sofa“ – eine kleine Bühne mit zwei Tischen, Mikrofonen, bestuhltem Zuschauerraum und freien Zeiten. Hmm, welche Idee könnte man da wohl haben?
Abends dann das erste Treffen in der Leipziger Innenstadt. Im Irish Pub lassen wir es erst einmal ruhig angehen – schließlich stehen uns noch vier anstrengende Tage bevor. Das „Schwarze Sofa“ bleibt eines der wichtigsten Themen und die ersten Versuchskarnickel werden zwangsrekrutiert („Freiwillige vor“). Ob das mal gut geht.
2. Tag Donnerstag, 20.03.03 Indische Verhältnisse
Wenn man 10 Uhr Standdienst hat, sollte man vielleicht 9:30 schon da sein, dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn. Die erste Bahn fuhr vor und die Leute darin sahen aus wie Frösche, die man an eine Glasscheibe geworfen hatte. Mit flehenden Augenaufschlägen gaben sie zu erkennen, dass ein Öffnen der Tür ein sinnloses Unterfangen war. Macht ja nix – in 3 Minuten kommt die nächste Bahn und wenn sich alle hier rein gedrängelt haben, gibt es dort viele freie Sitzplätze. Die nächste Bahn sah nicht besser aus. Die übernächste erst recht nicht. Erst nach der 7. Tram bemerkte ich an einer Tür, dass die Insassen tiefer atmeten als andere und schloss daraus, daß dort noch Platz zum Reinquetschen war. Die folgenden 8 Stationen passierten wir ohne größere Tumulte auf der untersten Stufe mit flacher abwechselnder Atmung. So musste man sich also in der Tokioter U-Bahn fühlen. Oder in Indien. Endlich lüfte sich ein altes Geheimnis: deshalb gab es bei Busunfällen in Indien immer 500 Verletzte.
Die Messetore sind noch nicht einmal 5 Minuten offen und schon herrscht ein Gewimmel wie in einem Bienenstock. Der erste Tag verlangt von allen Standdienstlern Standhaftigkeit bei der Verteidigung der Standauslagen gegen „gibt’s hier was umsonst?“ und „kann ich das mitnehmen“ – Frager. Diese gefräßige Unterspezies des gemeinen Beutelgermanen verlagerte seinen Aktionskreis nach dem ersten erfolglosen Tag zum Glück in andere Gefilde.
Als Grund für diesen großen Andrang entdecken wir die vielen Schulklassen, die Donnerstag und Freitag für wenig Geld die Messe besuchen können. Zwei dieser Klassen sitzen dann auch zum Einsteigerkurs Rollenspiel an unseren Tischen. Dabei macht jeder Spielleiter mehr oder weniger gute Erfahrungen mit seiner Gruppe. „Hey, die Kleinen sind cool, die haben die Stadt gerettet“ (und das mit 12 Jahren) meint Jörg (Operation: Max). Sebastian (Degenesis) kommt frustriert angeschlichen: „Die kleinen Wänster haben den Auftraggeber in einen Herzinfarkt gejagt“. Tom (Thyria) trifft den Nerv seiner Spielerinnen bei seiner Ballgeschichte ganz gut. „Warum müssen wir eigentlich mit so alten Knackern auf einen Ball gehen?“ – „Na schaut Euch doch mal Eure Jungs an, würdet Ihr lieber mit denen gehen?“. Das Gekicher vom Nebentisch fällt den Betreffenden an meinem Tisch zum Glück nicht auf. Sie sind viel zu beschäftig damit, dem Drachen der sie ständig umpustet, einen Pfeil in die Schwanzspitze zu schießen. Nach zwei Stunden Schnupperrunde würden sie am liebsten noch weiter spielen. Das ist doch ein schöner Erfolg!
Ab 16 Uhr lichtet sich die Halle ganz beträchtlich. Die Schultrupps sind verschwunden und das „normale“ Publikum verteilt sich recht unauffällig in den Hallen. Wie anstrengend dieser Tag war merke ich erst, als ich mich 20 Uhr kurz hinlege und 0:30 wieder erwache.
3. Tag Freitag, 21.03.03 1 mal Würfeln 50 Cent
Aus den vorherigen Nahverkehrsdesaster lernend werde ich am diesen Tag auch zum Beutelgermanen, in der Hoffnung so schneller ein freies Plätzchen zu finden, als mit meinem Rucksack. Der Versuch ist von Erfolg gekrönt und ich muß nur 4 Bahnen ihres Weges fahren lassen. In der Tram selber ist Stimmung angesagt. Man stelle sich einen gackernden Hühnerhaufen durch, der immer laut aufkreischt, wenn der Fuchs durch die Stallritzen schaut. So verhielt es sich mit den Schulklassen, wenn die Bahn eine Kurve fuhr und es (zugegeben) noch enger wurde.
Die Halle füllt sich wieder von jetzt auf gleich. Beim Standdienst greife ich wieder mangels fehlender knalliger Plakate auf meine Würfelsocke zurück. Und siehe da – die bunten und lustig geformten kleinen Kerlchen entfalten wieder ihre verheerende Wirkung, nämlich ahnungslose Messebesucher an den PrO-Stand zu locken. Dieser Effekt verstärkt sich noch, als ich „1 mal Würfeln 50 Cent“ verkünde, den Interessierten einen W4 zuschiebe und selber einen W20 nehme. So viel Spaß für wenig Geld! Der Hauptgewinn des Tages ist ein Kaugummi und jede Menge Leute, die nun ernsthaft wissen wollen, was wir eigentlich machen.
„Kennt ihr Rollenspiel“ – „Ja klar, ich spiele immer“ – „Was spielst Du denn“ – „ Diablo 2, Baldurs Gate oder Playstation“. So und ähnlich laufen die meisten Dialoge am PrO-Stand ab. Während das Projekt normalerweise die Lobbyarbeit für freie Rollenspiele auf seiner Fahne stehen hat, ist diesmal Werbung und Aufklärung für alle Arten von Rollenspielen angesagt. Ab diesem Tag gibt es ein zweiseitiges Merkblatt mit der Überschrift „Was ist Rollenspiel“. Es findet regen Absatz. Die höchste Anpassungsleistung vollbringt Matthias vom PrO-Team. Er sagt nur noch „Rollenspiel“ und hält den verdutzten Passanten das Merkblatt vor die Nase.
Der zweite Trick: die Tische mit blauer Tischdecke gehören uns! Wer sich dransetzt muß mitspielen! So finden wir schnell genügend Opfer für die nächsten Runden und die meisten sind nach anfänglichem Zögern auch recht gut dabei. „Eigentlich wollten wir uns nur kurz ausruhen“, „*Harhar*, zu spät, jetzt müsst Ihr mitspielen“. Mein persönliches Erfolgserlebnis des Tages: eine Gruppe D&D Spieler wählt den gewaltfreien, denklastigen Weg.
Nach der letzten Runde steuern wir wieder den irischen Hafen hinterm Hauptbahnhof an und verbringen einen schönen Abend mit vielen Leuten unseres und der Nachbarstände.
4. Tag Samstag, 22.03.03 Das kosmische Rauschen
Endlich einmal eine Straßenbahn mit Umdrehfreiheit. Die Schulklassen sind fast ganz aus dem Messebild verschwunden. Der Trubel ist immer noch überwältigend und der Andrang am Stand größer als vorher. Dem bunten Gewimmel am Haupteingang entgehend eile ich durch den leeren Ausstellereingang. In der ersten Röhre, die zur großen Kuppelhalle führt ist dann wieder dieses faszinierende Geräusch zu hören – das kosmische Rauschen. Tausende Stimmen vermischen sich zu einem atmosphärischen Laut. Erst wenn man in der Halle selber steht sieht man das Menschenknäuel und kann einzelne Rufe erkennen. Das Interesse an dieser Buchmesse ist echt beeindruckend.
Der Rollenspielbereich scheint sich inzwischen rumgesprochen zu haben. Visitenkarten und Merkzettel gehen bedenklich schnell zur Neige, die Tische reichen nicht mehr aus und das Publikum für das „Schwarze Sofa“ muss das PrO nicht mehr selber stellen. Die festgelegten Zeiten für die Schnupperspiele haben keine Bedeutung mehr – gespielt wird sobald ein Tisch frei wird. Spätestens nach 3 Runden am Tag kriecht jeder Spielleiter auf dem Zahnfleisch und freut sich, mal die Klappe halten zu dürfen. Es gibt mehrere dutzend Sätze bei denen es ziemlich interessant gewesen wäre, mal eine Strichelliste zu führen. Wären da nicht die vielen schönen Erlebnisse - leuchtende Augen, gute Ideen, großes Interesse oder Spieler, die am nächsten Tag wieder kommen – wäre es echt anstrengend. So hat man wenigstens das Gefühl, daß alles einen Sinn hat.
Pünktlich während der letzten Runde des Tages hat die Sonne wieder eine Position erreicht, die sie ungehindert durch das Hallendach strahlen lässt. Die gibt es also auch noch. Verwundert drehe ich mich um, doch erstaunlicherweise zerfällt niemand zu Staub (auch nicht die Vampire – Leute von Feder und Schwert). Während sich der Rest schon wieder rauchend am Stand sammelt, sind meine Spieler auch noch nach Lautsprecherverabschiedung nicht motiviert aufzuhören. Kann mir gar nicht vorstellen, daß ich in meinem Zustand die Quest noch anständig leite.
Dann ist endlich Feierabend. Das heißt chic machen (bin bis heut nicht fertig geworden ;)), Sachen wechseln und neue Disketten mit Regelwerken kopieren. Nach Duisis organisatorischem Einsatz haben auch alle Standleute und Autoren eine Eintrittskarte zur Comic-Dance-Party in der Leipziger Innenstadt. Die Veranstaltung ist viel schöner, als der Name vermuten läßt. Kaltes Büfett und Getränke für umsonst (warum hab ich Idiot mir noch vorher Schnitten gemacht?) und die schönsten Ferienlagerhits eine Etage tiefer. Dazu tiefschürfende Gespräche über langweilige Doktorarbeiten (sorry an Jörn, das war ein Witz ;)) und Entwicklungen einer Szene zu der ich eigentlich gar nicht gehöre. Die Zeit vergeht wie im Flug, die letzte Bahn wollen wir auch nicht verpassen und der kommende Messetag wird sicher auch noch mal hart. So sind wir trotz der schönen Fetenathmosphäre schon 1:30 Uhr im Bett.
5. Tag Sonntag, 23.03.03 Die unendliche Geschichte
Der letzte Messetag beginnt nach einer kurzen Nacht und einem angenehmen Stehplatz in der Bahn. Auch wenn man nicht wirklich von Sonntagsruhe sprechen kann, sind die Messehallen nicht mehr ganz so verstopft. Die Professionalität am Stand, bei den Spielrunden und auf dem Schwarzen Sofa steigert sich zum Höhepunkt. Das Merkblatt „Was ist Rollenspiel“ ist nun nicht mehr umständlich auf zwei Blättern (das zweite Blatt blieb manchmal liegen) sondern (beutelgermanenfreundlich) auf zwei Seiten. Es dauert nicht lange und die erste Spielrunde ist voll. Kaum bin ich vom Tisch aufgestanden, stehen wieder Leute mit leuchtenden Augen, die Hände schon an den Stuhllehnen vor mir. Also noch eine Runde. Für die Essenpausen muß man sich einen Trick einfallen lassen. Am besten kommt ein richtig schweres Rätsel, wo die Gruppe erst einmal wild diskutieren muß. Da kann man sich dann unauffällig ein paar Brötchen in die Backen schieben. Rundenende – gleiches Spiel „Kannst Du noch eine Runde machen?“ Ich rede mich erst einmal mit dringenden menschlichen Bedürfnissen raus und genieße die Bewegungsfreiheit meiner Beine auf den 200 Metern bis zum Klo. 5 Minuten Pause, dann geht das Abenteuer von vorne los. Eine meiner 3 Quests spiele ich sieben Mal. Komischerweise wird es nie langweilig und die Spieler kommen immer wieder auf neue (verrückte) Ideen. Das Licht bricht wieder durch das Hallendach und verkündet erbarmungslos das Ende des Tages und damit der Leipziger Buchmesse. Erst jetzt fällt mir die Ruhe auf, die inzwischen ringsum eingezogen ist. Eigentlich wollte ich ja noch mal eine Runde drehen, damit ich noch was anderes sehe, außer dem PrO-Stand. Aber das ist jetzt natürlich zu spät. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als nächstes Jahr wieder mitzukommen.
Dazu gäbe es noch einen weiteren Grund. Irgendwie bin ich jedes Mal um eine Runde auf dem Schwarzen Sofa rumgekommen. Standdienst und Quest waren immer eine gute Ausrede ;). Jetzt wo es zu spät ist finde ich es schade nicht ein einziges Mal bei der unendlichen Geschichte mitgespielt zu haben. „Wir haben gestern ein Abenteuer gespielt, das wir jetzt weiterspielen werden. Die Handlung ist nicht abgesprochen“ So oder ähnlich waren die Ansagen für die ½ Stunde „auf Sofa sitzen in Mikro sprechen und auf Glastisch würfeln“ Was anfangs als Test für geplant war entwickelte sich echt zu einem Publikumsmagnet mit 2 Runden pro Tag (mit immer derselben Grundstory). Viel Spaß hatten Spielleiter und Spieler mit den Freiwilligen aus dem Publikum. Sebastian hatte einmal eine Zofe als Begleiterin und der Zuschauer wurde das Gefühl nicht los, dass diese ihn boykottieren will. „Ich biete dem Meisterdieb eine Räuberleiter an, aber da ich nur eine kleine schwächliche Zofe bin, kann ich ihn nicht halten und wir fallen aufeinander.“ Der Kollege vom Stand der Drachengilde musste als Prinz nun selber eingreifen. Zum Schluß gabs Applaus und eine beigesterte Zofe, die Nephilim gleich für die nächste Baal-Quest schnappte.
Abschlussbild - aus und vorbei. Nach fünf stressig schönen Tagen fällt die Entscheidung schwer, ob man traurig sein oder sich freuen soll, daß es nun zu Ende ist. Für mich als Autor eines kleinen (aber feinen ;)) Systems war die Messe widererwarten sehr lohnenswert. Das Publikum am PrO-Stand waren interessierte und begeisterungsfähige Anfänger, von denen einige sicherlich für Rollenspiele gewonnen werden konnten. Ich kehre mit vielen Anregungen, neuen Ideen (die berüchtigte Nachconmotivation) und nur 4 von 30 Disketten nach Hause. Bleibt also nur Danke zu sagen, an das große PrO-Team, das wie immer mit beeindruckender Professionalität die Sache organisiert hat. Ich schließe mich damit den fragenden Blicken einiger Standbesucher an: „Und was habt Ihr eigentlich davon?“ Im Namen aller Autoren also mal ein großes Lob für Euer unermüdliches Engagement. Ohne das PrO würden wir Autoren uns nur in Foren zoffen, aber nichts derartiges auf die Beine stellen können.
Gruß, Kuss und Dank auch an alle anderen Anwesenden, für die mehr oder weniger sinnvollen Gespräche und eine geniale Zeit auf der Leipziger Buchmesse 2003.


