14. - 17. September 2004
Donnerstag, 14.9., 17:00: Mit ca. 20-minütiger Verspätung landen Nimer und ich nach gut zweiwöchigem Urlaub in Ungarn auf dem Stuttgarter Flughafen. Nur die Gepäckabholung, 25 Minuten, eine Zeitschrift und mehrere Fotos vom Stuttgarter Flughafengebäude trennen uns von der einstündigen S-Bahn-Fahrt nach Backnang, von wo uns der sympathische Shuttle-Service in rasanter Fahrt den Berg hinauf zum Schloss Ebersberg bringt.
Der freundliche, fröhliche Empfang mit Prosecco, Chili con Carne und Nachos mit Dips hilft auch dem Geist bei der Ankunft auf der Convention. Befreundete Rollenspieler aus allen Teilen des Landes wollen begrüßt werden, Neuigkeiten müssen ausgetauscht und unbekannte Leute kennengelernt werden.
Da Tobias' Inspectres-Runde nicht voll wird, lasse ich mich dazu überreden, in einer "Kanzlei für außergewöhnliche Vorfälle" anzuheuern, um im London von 1890 Geister und andere paranormale Wesen zu jagen. Sir Nicolas Scott vermittelt uns den Auftrag, einem mysteriösen Mordfall nachzugehen. Nach einigen verwirrenden Ermittlungen, weiteren Geistererscheinungen und viel Gin läßt sich der Hausspuk der kleinen Oper tatsächlich mit einer Protoplasmakugel erschießen und alle sind glücklich.
Ein Gutenachtgetränk führt mich zurück zu den fröhlich schwatzenden Nachtschwärmern, die gerade nicht spielen, doch schaffe ich es, meinem Vorsatz treu zu bleiben und einigermassen zeitig schlafen zu gehen.
Vereinzelte Schnarchgeräusche erwarten mich, die sich im Verlauf der Nacht auch durch einige Tritte nach rechts zumindest teilweise in Schach halten lassen, bis die Umtriebe der Frühaufsteher endgültig dafür sorgen, dass ich meine Schlafstatt verlasse. Das fürstliche Frühstück mit Lachs und Rührei weckt nach der Dusche die restlichen Lebensgeister wieder und ich bin bereit, mich neuen Abenteuern zu stellen. Deswegen entscheide ich mich statt für einen Workshop dafür, das Brettspiel "Betrayal at House on the Hill" zu erlernen.
Die Tür des Hauses fällt hinter uns zu. Wir stehen in der Eingangshalle. Schritt für Schritt erforschen wir das Haus, finden in den Zimmern immer wieder Gegenstände, Omen, Spinnen greifen an oder andere Ereignisse passieren. Eine unserer Kameradinnen ist in den Keller gegangen. Sie findet ein weiteres Omen und wird verflucht. Von nun an muss sie mit den Hausdienern gegen uns kämpfen - wenn wir bis zum Morgengrauen überleben werden wir das Haus erben - sonst sie. Eine schreckensreiche Jagd beginnt.....
Mit halbstündiger Verspätung tötet die Verräterin den letzten unserer Charaktere. Ich wurde inzwischen von Jo dazu überredet, im Anschluss bei seiner Runde mitzuspielen, die den Ausbruch von einigen Knastbrüdern zum Inhalt hat:
Vier Knastis brechen aus einem Gefängnis aus. Sie nehmen eine Anwältin und ihre Mandantin, die gerade in einem Van zum Knast gefahren kommen mitsamt ihres Fahrzeugs als Geiseln. Im Sturm müssen sie in einem Wald halten. Dort ist ein Haus, in dem ein Ehepaar lebt. Das ist die Ausgangssituation des Abenteuers. Mehr möchte ich nicht verraten, um denen, die dieses Abenteuer noch spielen wollen, nicht den Spass zu rauben, denn es lohnt sich! Super Runde, nette Mitspieler/innen, viel Spass!
Die Runde dauert angenehmerweise nicht so lang, so dass sich Gelegenheit bietet, am Nachmittag mit der Küchencrew zu schwatzen, eine kleine Weinprobe durchzuführen und einige Runden zu Kickern - und nicht nur zu verlieren!
Das Abendessen übertraf alle Erwartungen. Französische Käsesuppe, Coq au Vin, selbstgemachte Mousse au Chocolat. Danke an die Köchinnen und Köche, die den ganzen Tag dafür in der Küche geschuftet haben.
"Das Tarot des Inquisitors": ein glücklicher Zufall will, dass in dieser Spielrunde noch ein Platz frei wird. Auch wenn alle Runden, bei denen ich mitgespielt habe, mir viel Spass gemacht haben - diese ist ein Glücksfall. Warhammer 40k kenne ich noch nicht, und das Spiel mit den Arkanakarten offenbart mir so viel von der Welt, dass ich neugierig auf mehr werde. Nette Mitspieler/innen, ein Spielleiter, der die Atmosphäre sehr gut vermittelt und "Der König" helfen trotz der späten Nachtstunden, die wir durchspielen so gut, dass ich auch mit meiner Unwissenheit gut ins Spiel komme, wir die Charaktere ausspielen können und die Runde fast hundertprozentig die meiner Rollenspielbedürfnisse entspricht. Dass der Plot nicht fertig wird macht mir trotz meiner Neugier fast nichts aus, da das Spiel so interessant ist.
So ist die Schlafenszeit auch kürzer, als angepeilt, wenige Stunden müssen reichen, die nötige Erholung zu finden. Aber auf Conventions herrscht ein Ausnahmezustand und so bin ich am nächsten Morgen nach dem Weißwurstfrühstück so fit, dass die Runde Inspectres/Piraten, die ich leite mit nur 15-minütiger Verspätung beginnen könnte - müsste nicht noch eine Mitspielerin geweckt werden. Um die geistige Gesundheit der Leser/innen zu schonen, werde ich jetzt nicht in die Details des Abenteuers gehen, das der Kapitän "Gentleman Jerry" (den Namen muss er von einem Irren bekommen haben) mit seiner Mannschaft erlebt hat. Immerhin reicht es für ein Happy End: die Charaktere der fünf Spieler/innen werden schwarze Papageiengötter mit einer Anhängerschaft von schweinsköpfigen Affen.
Rechtzeitig zu meiner Küchenhelferschicht sind wir fertig. Der Schweinebraten wird geliefert, das Blaukraut ist schon aufgesetzt, der Nachtisch fertig - Pilze putzen und schneiden, Semmelknödel ins Wasser werfen, bei der Abschmeckung beraten und benutztes Gerät spülen sind keine zu schwere Arbeit und das Ergenbis sehr lecker.
Eine halbe Stunde später als geplant beginnt das Wolkefest. Gesang, sechs abwechslungsreiche Geschichten beim Erzählwettbewerb und Xena bereiten uns auf den Höhepunkt der Feier vor: Der Parcours durch die Burg, bei dem Aufgaben gelöst werden müssen. Fünf Gruppen streiten um Edelsteine, die sie von der Rose, dem Teufel, einem Engel, dem Tod und dem Magier bekommen, wenn sie Aufgaben lösen. Der Narr versucht mit seinen Spionen das Spiel an sich zu reissen. Unser beschworener Dämon mit Ohren bis zum Boden und Flügeln, so weit wie die Burg, der nur ganz viele liebe Gedanken hat, findet keine Anerkennung, dafür gelingt es, den Teufel zu bestehlen, eine andere Gruppe dafür verantwortlich zu machen und unser Gesang ist wirklich wunderschön! Gewonnen haben trotz allem die betrügerischen Magier.
Nach dem Wolke-Lied löst sich das Fest in informelle Gespräche auf, es wird gezecht, gesungen, geschwätzt, und Bekanntschaften werden vertieft - ein wirklich gelungener Abend.
Da unsere Abfahrt, die restlichen "Berliner" haben im Auto noch ein Plätzchen für mich frei, schon am nächsten Morgen um 10:00 geplant ist, gehe ich schweren Herzens irgendwann nach oben in den Schlafsaal, wo schon das schnarchende Hintergrundrauschen auf mich wartet.
Und noch schwereren Herzens verabschiede ich mich nach dem Frühstück am Sonntag von all den Freunden und Bekannten, so dass ich es schaffe, unsere Abfahrt noch einige kostbare Minuten hinauszuzögern. Aus klingt die Wolke für mich und ein paar andere hoffnungslose Heimkehrer nachdem uns Raoul ruhig und sicher nach Hause gefahren hat beim Italiener in Berlin.
Es müsste noch viel mehr solche Gelegenheiten geben, all die netten Leute zu treffen, die über die ganze Republik verteilt leben... ich hoffe, dass ich das nächste Mal wieder die Zeit haben werde, dabei zu sein!
Eva Krapf


