von Miniritter Marek

Ich kann nicht behaupten, dass mir skurrile Situationen unbekannt wären. Aber wie ich auf Schloss Ebersberg auf meiner Spieledecke krabbelte und einige Leute im Kreis um mich rumsaßen und ein „Setting“ in … in einem... Mama souffliert gerade: „in einem Umfeld höchst zweifelhafter und ausgefallener Praktiken“... oder so ähnlich... hatten – das war dann schon außergewöhnlich. Natürlich muss es, nach allem was ich so mitgekriegt habe, in einem Umfeld, in dem sich gleichzeitig Dominic, „Wolf Tom“ und mein Papa befinden, zwangsläufig zweifelhaft zugehen. Nicht, dass es mich irgendwie tangiert hätte; für mich war lediglich wichtig, dass es viele Leute gab, an deren Füßen ich mich vergreifen konnte, und dass immer jemand zum spielen da war. Denn gespielt wurde ja auffallend viel, das fand ich sehr sympathisch. Ich dachte immer, große Leute – dazu zähle ich auch meine Mama, obwohl Papa grinsen wird, wenn er das liest – wären immer dem Ernst des Lebens ausgeliefert. Aber wir kennen gar keinen Ernst. Mama sagt, der Name ist heute unmodern. Deshalb war eher Spaß angesagt, und Spaß wird niemals unmodern.

So habe ich also den ersten Rollenspiel-Con meines Lebens miterlebt. Rollenspiel kenne ich zwar schon, aber in so geballter Ladung dann doch noch nicht. Es gab sogar Leute, die sich in einen Käfig im stockdunklen Keller setzten – meine Güte. Große Leute können schon manchmal putzig sein. Ich muss zu Hause auch manchmal in einen Käfig, aber dass ich mich drum reißen würde, kann ich nicht behaupten. Ich finde es viel spannender, Kabel und Steckdosen und die Reset-Taste des Rechners zu erkunden. Darum muss ich ja in den Käfig – wenn auch nicht im Keller. Aber ich schweife ab, ich wollte ja von der Wolke erzählen.

Zur Wolke gehört auch, dass es knarrt und poltert und knarzt und quietscht. Die Dielen nämlich, und die Türen, und überhaupt alles. Mama hatte in der ersten Nacht Angst, dass ich wach werden könnte, wenn nur jemand draußen am Zimmer vorbeiläuft, denn das hörte sich an, als wäre eine Horde Elefanten unterwegs, auch wenn die Horde versuchte, wie ein einzelnes Mäuschen zu schleichen. Die Dielen, wie gesagt. Eine von diesen Megaknarzdingern war direkt vor unserer Tür. Jedenfalls hab ich aus Gesprächen zwischen Mama und Papa rausgehört, dass hier nur eine nicht geschlafen hat – Mama nämlich. Ich hab gepennt wie immer. Deshalb hat Mama sich am zweiten Abend auch getraut, Ohropax zu benutzen. Für sich selbst natürlich. Und dann gings mit dem Schlafen besser. Man muss eben immer gucken, dass die Eltern auch gut schlafen, das ist nicht so einfach für uns Babys, sie dann zu beruhigen, wenn sie nachts wach werden, oder wenn sie, wie auf der Wolke üblich, überhaupt erst sehr spät einschlafen und dann morgens entsprechend quengelig sind. Ich hab mich darüber auch mit Keelin unterhalten – die kennt das Lied. Und Manu, eine Mama auf Urlaub mit „Ich-möchte-gern-endlich-mal-gründlich-ausschlafen“-Extra, stand eines Morgens neben Fe und meiner Mama und fragte, wie spät es sei. Als Mama meinte, kurz vor acht, sagte Manu aus tiefster Mutterseele heraus: „Na Gott sei Dank, ich dachte schon, ich sei viel früher wach geworden.“ Worauf Nochnicht-Mama Fe sie mit ihrem Fe-Blick anschaute und sagte: „Na um GOTTES Willen! Das wäre ja auch eine KATASTROPHE gewesen!“ Damit bescherte sie meiner Mama den ersten Lachanfall des Morgens.

Morgens gab es immer herrliche Anblicke. Wie der Nebel aus den Wäldern ringsum aufstieg, wie die Sonne die Burg anstrahlte, wie das bunte Herbstlaub aufleuchtete, wie Da Ni kurz vor dem endgültigen Aufwachen aussieht... Außerdem gab es noch die so genannte „Bademantelfraktion“, deren eingetragene Mitglieder es allerdings auch fertigbrachten, manchmal den ganzen Tag im Bademantel rumzulaufen. Ich habe gehört, wie Fabi zu meinem Papa sagte, diese neue Mode sei sehr praktisch, denn sie passe exakt zu null anderen Anlässen.

Wovon meine Mama immer noch schwärmt, ist das leckere Essen. Da kann ich ja nun nicht wirklich mitreden, denn mein biodynamischer Möhren-Kartoffel-Rindfleisch-Brei kam aus mitgebrachten Gläsern. Aber da mich Mama auch immer noch auf die ganz ursprüngliche Mama-Art betankt, konnte ich schon ein bisschen was vom Wolke-Essen mitkosten. Und es stimmt – das war wirklich hervorragend. Muttermilch mit Schokopannacotta-Aroma und Zitronenmelissenudeln-Geschmack – sehr, sehr lecker. Mama guckt jetzt jeden Tag, ob die Rezepte schon im Nachklapp stehen.

Im Nachklapp stehen bisher jedenfalls schonmal Da Nis wunderbare Lieder. Eigentlich Unsinn, denn sowohl Mama als auch Papa können die meisten davon schon auswendig. Besonders angetan hats meinem Papa das Botenlied: „Schneller, schneller, Ritt durch die Nacht, über alte Wege muss mein Botenpferd mich tragen...“, während Mama vom Engellied gar nicht mehr loskommt: „Engel fliegen, Sturmwolken ziehen, und mein Liebster geht im Templerheer...“ Papa hat hat die Message beider Lieder verinnerlicht und mir zu dem bekannten Kindervers „Wie reiten denn die Bauern, Hopp, Hopp, Hopp, wie reiten denn die Herren, Galopp, Galopp, Galopp“... etc. noch einen Vers dazugedichtet: „Wie reiten denn die Templer, hoppedihoppedihopp – grh – argh – plumps!“ Ich finde das witzig, offensichtlich hatten die Templer viel Spaß damals. Ich verstehe gar nicht, wieso Mama mich gebeten hat, bloß keiner zu werden.

Nun, ich werde ja sehen, was man so alles werden kann. Wichtig ist ja erstmal, dass man IST. Werden kann man dann immer noch viel. Die Wolke jedenfalls hat mir prima gefallen. Ich könnte jetzt noch ein paar Superlative hinschreiben, aber eigentlich reicht es, zu überlegen, was andere äußern würden, die auch dabei waren. Yvie meint sicher, dass es sehr anstrengend, aber klasse war, mein liebster Spielkamerad Alex wird sich eine ins Gesicht stecken und Rauchzeichen abgeben, und Jo würde sagen: „GROßartig!“